Leseratte
Ein kleiner Blog über die große Welt der BücherDie Fabrik
Die Fabrik

Diese Geschichte möchte ich einem ganz speziellen Freund widmen. Also Much, das ist deine Geschichte.
Dunkle düstere Wolken ziehen über die Stadt und verschlingen endgültig die letzten blassen Farben die sich noch zwischen den grauen Fassaden tapfer gehalten haben. Grau in Grau liegt sie da, wie eine Geisterstadt, kein menschlicher Ton ist zu hören, nur das dumpfe Dröhnen der Maschinen. Aus den Schornsteinen steigt weiß-grauer Rauch auf. Die Luft steht zwischen den Hohen Mauern, geschwängert vom Geruch nach Teer.
Erst leiser, dann immer drohender hört man das Ticken einer Uhr, einer gewaltigen Uhr, die sich hoch über die Stadt erhebt. Platziert auf einer Säule aus Stahl und Beton wacht sie wie ein Auge über die Stadt. Ihr Ticken ist nun in jedem Winkel, in jeder Gasse zu hören. Tick – Tick – Tick. Langsam bewegt sich der Zeiger auf die Zwölf zu. Tick – Tick – Tick. Kaum setzt er sich das letzte Mal vor der Zwölf in Bewegung ertönt ein lauter Gong, der die ganze Stadt erbeben lässt. Fünfmal ist der Gong zu hören und ehe er verklungen ist, breitet sich ein Rattern und Knirschen über die Stadt aus.
Metall reibt über Metall, Funken stoben, Mauern erbeben als sich gewaltige Tore langsam öffnen. Rotes Glühen tritt durch den immer größer werdenden Spalt zwischen den gewaltigen Türen. Auf einmal verklingt das Knirschen und Rattern. Die Tore sind vollkommen geöffnet. Rotes Glühen ergießt sich in die sonst so grauen und düsteren Straßen. Wie ein gewaltiges Monster liegt sie nun im Herzen der Stadt – die „Fabrik“. Weit aufgesperrt hat sie Ihren fürchterlichen Rachen. Vollkommene Stille. Dann das leise müde schlurfende Geräusch von tausenden Füßen, müden Füßen, die müden Schrittes im Gleichschritt vor sich hin schlurfen. Rechts – Links – Rechts – Links, dringt das Schlurfen aus der Fabrik. Ein Schatten taucht im roten Rachen auf. Erst nur der Schatten, dann die Kontur von Personen; Personen in grauen Kleidern, schwarzen Schuhen, mit geschundenen Händen, verdreckten Hälsen und traurigen Gesichtern. Monoton gehen sie hintereinander her. Leblos Blicke auf den Rücken des Vordermannes gerichtet. Müde Arme Elan los herab hängend marschieren sie wie Roboter hintereinander her. In einer Schlangenlinie ergießen sie sich in die Straßen der Stadt und verschwinden hinter grauen Türen in grauen Häusern und ziehen graue Vorhänge zu. Dem schlurfenden Geräusch von tausenden Schritten ist das Murmeln von tausend flüsternden Stimmen gefolgt. Dunkelheit legt sich wieder über die Stadt als sich die Tore der Fabrik wieder geräuschvoll schließen. Der Mond der ab und an durch die vorbeiziehenden Wolken auf die Stadt hernieder blickt, gibt kaum genügend blassen Schimmer um schemenhafte Konturen erkennen zu lassen.
Die Stadt liegt wieder wir tot. Kein Mucks, kein Geräusch, nichts ist zu hören außer dem bedrohlichen Ticken der Uhr. Nichts durchdringt die Stille. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch hört man genau hin, hört man ein ganz leises Lachen, das klare fröhliche Lachen eines Kindes. Nur kurz und sehr gedämpft kann man es in ein paar vereinzelten Gassen vernehmen.
Erschrocken blickt eine alte Frau von ihrer dampfenden Tasse Tee auf, als sie das Lachen hört. Gerade noch kann sie es verhindern, dass ihr die Tasse aus der Hand fällt.
Hatte sie wirklich richtig gehört? War das ein Lachen? Seit Jahrzehnten gab es kein Lachen mehr in der Stadt! Nicht mehr seit es die Fabrik gab, und das war auch gut so. Jawohl! Denn als es noch das Lachen gab, gab es auch Tränen, es gab Schmerz, Verlust, Trauer, Wut und Hass. Von alldem wurden sie geheilt. Hatte sich dem etwa jemand entzogen, hatte wohl einer gewagt sich den Regeln zu widersetzen? Nochmals horchte die alte Frau in die Nacht hinaus, doch nur Stille drang zu ihr. Erleichtert atmete sie auf. Dann schüttelte sie den Kopf, als würde sie ihn über eigene Schreckhaftigkeit schütteln. Lachen! Wie absurd. Keiner würde die Regeln brechen, denn keiner würde es wagen, schließlich würde ihn die schreckliche Strafe von Theodenum Landrowsky, dem Begründer und Erbauer der Fabrik, erwarten. Und seine Strafe würde schrecklich sein, dessen konnte man sich Gewiss sein.
Nach diesem kurzen Ausflug der Gedanken, widmete sich die alte Frau wieder ganz ihrer Tasse, mit dem nun nicht mehr so heißen Tee und starrte monoton die Wand vor sich an. Kein Bild schmückte den Raum, nichts machte ihn wohnlicher. Nur ein Schrank, ein Tisch, ein Bett und ein harter Holzsessel befanden sich in dem Raum, nichts Persönliches Umgab die alte Frau.
„Hermine, still“, zischte die Frau etwas harsch zu dem Kind auf ihrem Schoß und legte die Hand auf den Mund des Kindes. Mit angehaltenem Atem lauschte sie ob einer der Nachbarn das ungeschickte Lachen ihrer Tochter gehört hatte. Sie betete, dass es nicht so war, denn sie wusste es würde schreckliche Folgen haben. Nicht für sie aber vor allem für Hermine, ihr Herzallerliebstes. Sie war es wofür sie jeden Tag aufstand und all die Qualen dieses Lebens auf sich nahm. Jeden Tag ging sie in die Fabrik wie all die anderen und verlor dabei alles Gefühl, dann kennt sie keine Liebe, kein Vertrauen mehr. Doch jeden Tag wenn sie nach hause kommt, die Vorhänge schließt und die geheime Türe zu Hermines Versteck öffnet, erfährt sie so viel Glück, dass all die Leere des Tages vergessen ist.
Still saß das Kind nun auf dem Schoß der Mutter und spielte mit etwas das wohl eine Puppe darstellen soll. Zwei schwarze Knöpfe dienten als Augen auf einem aus altem abgewetztem Stoff geformten Kopf. Doch dass schien das Kind nicht zu stören und still spielte es mit dem einfachen Spielzeug.
Die Nacht war hereingebrochen und die Mutter brachte Hermine in ihr kleines Bett in dem dunklen Versteck. Es war kein Ort für ein Kind, doch besser als dass was ein Kind normalerweise in der Stadt erwartete. Denn die anderen Kinder waren alle in die Fabrik gebracht worden. Und dort, so war sich die Mutter sicher, war es noch viel schrecklicher für die Kinder, als für Hermine in ihrer dunklen Kammer. Nachdem sie sich sicher was dass das Kind eingeschlafen war, legte sie sich selbst auf ihr Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Fahle Sonnenstrahlen vielen durch die dunstigen Wolken auf die Stadt, wie immer hörte man nur das bedrohliche Ticken der Uhr wie sie über die Stadt wachte und langsam die Minuten zählte. Ein neuer Tag war angebrochen und wieder zogen Reihen von Menschen in Schlangenlinien durch die Straßen. Dieses mal jedoch in die Fabrik hinein. Hinein in den roten Rachen des Ungetüms. Als der letzte Bewohner durch das Tor geschritten war, begann das Knirschen und Knarren als sich das Tor langsam schloss. Alle Bewohner der Stadt befanden sich nun innerhalb der hohen Mauern der Fabrik. Nun fast alle Bewohner, denn das kleine Mädchen namens Hermine verweilte wie immer einsam und verlassen in seinem dunklen Versteck und spielte still mit ihrer Puppe.
Die Tage vergingen, Jahre zogen durchs Land und die Stadt blieb gleich. Vielleicht waren die Wände noch etwas grauer, die Kleidung der Bewohner noch zerschlissener und ihre Hälse am Abend noch verdreckter, sowie die Augen noch leerer. Immer noch saß eine Person in einem dunklen Versteck, wenn die Bewohner morgens in die Fabrik schlurften. Nur war es nun kein kleines Mädchen mehr sondern eine junge Frau die dort im dunklen saß.
Als an diesem Morgen die schlurfenden Schritte der Bewohner, gefolgt vom Knirschen und Knarren des großen Tores der Fabrik verklungen waren, stand Hermine auf, öffnete die Türe ihres Versteckes vorsichtig und späte nach draußen. Nur Stille kam ihr entgegen als sie sich durch die Türe schob
und ihr Versteck das erste Mal ohne die Erlaubnis der Mutter verlies. Leise schlich sie durch die Wohnung, immer wieder bereit in ihr Versteck zu verschwinden. Doch nichts geschah. Niemand kam um sie einfach abzuholen. Es wusste einfach keiner dass sie da war. Den ganzen Tag wanderte sie in der Wohnung umher, genoss das bisschen Freiheit. Erst als sie die Uhr fünfmal schlagen hörte, lief sie in ihr Versteck und schloss die Türe. Sie fühlte sich wie eine Entdeckerin die gerade ein neues land gefunden hatte. Doch diese Entdeckung würde sie für sich behalten.
Jeden Morgen nun, wenn sie das knirschende Geräusch der Tore hörte, verließ sie ihre dunkle Kammer. Zu Beginn streifte die nur durch die Wohnung und betrachtete die Stadt durch das Fenster im fahlen Licht des Tages, welches gedämpft wurde durch die dicken grauen Dunstschwaden über der Stadt. Und doch kam ihr dieses Licht so hell, so wunderbar vor, hatte die bisher doch nur die Welt des Nachts gesehen.
Nach ein paar Tagen wagte es Hermine sogar die Wohnung zu verlassen, erkundete das Haus in dem sie wohnte und dann die nahe Umgebung. Immer weiter dehnten sich ihre Streifzüge aus, immer mehr gab es zu entdecken. Die anderen Häuser, Straßen und leere Plätze. So wunderbar erschien ihr diese Welt und immer wenn die große Uhr fünfmal schlug, war sie wieder in ihrem dunklen Versteck als hätte sie es nie verlassen. Wenn ihre Mutter abends nach Hause kam, begann sie vorsichtig Fragen zu stellen. Wie denn die Welt so sei und was denn dort geschähe wo ihre Mutter jeden Tag hinginge, wollte sie wissen. Doch nur mahnende Worte hatte die Mutter für ihre Tochter. Dass sie ihr Versteck niemals verlassen sollte, sonst würden ihr gar schreckliche Dinge passieren. Hermine überhörte die Worte der Mutter nicht, und doch wusste sie, dass eben nichts Schlimmes geschah wenn sie das Versteck verließ. Doch sie konnte sich der Mutter nicht anvertrauen, denn sie wusste, die Mutter würde ihr verbieten noch einmal nach draußen zu gehen und dann vielleicht sogar jeden Morgen die Türe des Verstecks absperren. Und dann wäre sie wieder gefangen in der Dunkelheit. So schwieg Hermine.
2 Kommentare »
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Mir gefællt der Anfang. Das Bild der Fabrik, und die tickende Uhr. Das ist sprachlich gut!Sehr interessant.
Hab zum Ende hin immer das Gefühl es müsste was passieren..
Gibt es alternative Enden?