Leseratte

Ein kleiner Blog über die große Welt der Bücher

Schleier der Vergangenheit

Leise, fast wie ein Schatten schlich sie wieder einmal durch die dunklen, leeren Räume des Drachenhortes. Vorsichitg die Türen öffnend, keine Kerzen entzündend, von Raum zu Raum wandernd. Jede Türe die sie öffnet, öffnet sie behutsam, vorsichtig, fast so als würde sie etwas dahinter fürchten. Liegt dann der Raum im dunklen vor ihr, geht sie ohne zögern hinein, wobei ihr langes Kleid leise raschelt bei jedem Schritt. Wohl das einzige Anzeichen, das überhauptjemand da ist. Und ab und an, sieht man ihre zarte Siluette wenn sie bei einem der hohen Fenster vorbei geht. Wie lange das nun schon geht, nun Wochen, ja schon über einen Mond lang. Streift sie wie eine Eibrecher durch jenes haus dass doch ihr neues zu Hause sein sollte. Seit über einem Mond geht sie nun ihren Freunden, ihrer Familie aus dem Weg, meist ist sie nur dann im Haus wenn die anderen schlafen, oder eben ihren alltäglichen Dingen nachgehen. Hört sie einen der anderen das Haus betreten, versteckt sie sich oft, ganz unbewusst und schlüpft dann, in einem unbemerkten Moment aus dem großen Haus mitten in der Stadt. Dann eilt sie meist schnell durch das Tor hinaus in die nahe gelegenen Wälder.

Fingil ist wohl der einzige der sie sah im letzten Mond, und immer wieder folgten ihr seine besorgten Blicke. Kannte er doch die junge Frau schon aus der Zeit vor dem Krieg, und war sie nicht immer ein Mensch von fröhlichem Gemüt gewesen? Nun wirkt es als läge ein dunkler Schatten über ihr, ein schwarzer Schleier. Ja selbst die Kleidung die sie trägt ist geprägt von dunklen düstren Farben.

Wenn sie dann die nahen Wälder erreicht hat sitzt sie dort, stundenlag irgendwo auf einem alten Baumstumpf, die dunkelgrünen Augen ins nichts schauend. Beginnt dann die Sonne am Horizont zu verschinden blickt sie erst wieder auf, ohne zu wissen, wie lange sie nun hier saß, ohne zu wissen warum sie das Tat und ohne zu wissen, an was sie all diese Zeit dachte. Erst spät des Nachts wenn alle Lichter der Stadt erloschen kehrt sie dorthin zurück, in den Drachehort, sitzt dann dort, ohne etwas zu tun, ohne zu wissen was sie denkt. Alles was sie tut, tut sie unbewusst. Sie scheint wie in Trance.

So auch an diesem Abend. Es war ein warmer schwüler Tag gewesen, und noch steht die wärme des Tages im Haus, all die andren scheinen, den angenehmen Abend zu nutzen, und das Haus steht leer und verlassen in der untergehenden Abendsonne. Leise, fast über den Boden schwebend, betritt sie die verlassenen Räume. Der schwarze Rocke schmiegt sich sanft um ihre Fesseln bei jedem Schritt den sie tut. Das schwarze Haar wallt ihr lange und dunkel glänzend über Schulter und Rücken, und verdeckt halb ihr Gesicht, das sie den blick immerzu zu Boden gerichtet hat. Die Bluse, aus dem gleichen Stoff wie der Rock schmiegt sich sanft an ihre weiblichen Rundungen, doch alles in allem, ist ihre Kleidung schwarz, nur eine Stickerei auf dem Rock zeigt das grün das sie zu Tragen pflegt. Leisen Schrittes schleicht sie über die schönen dicken Teppiche, öffnet leise knarrend eine Türe und tritt in den Lagerraum. Erdrückend wirkt die Anzahl der Kisten die hier aufgestapelt sind. Ohne halt zu machen geht sie auf eine der untersten zu nimmt einen beutel heraus, hängt in sich um die Schulter und verlässt den Raum ebenso leise wie sie ihn betreten hat.

Dunkel liegen nun die Strassen von Thetarion da, und zielstrebig geht sie wieder auf das Stadttor zu. Fingil steht dort wie immer um seinen Dienst zu tun.

Als er nun die zarte Gestallt Narthoniels erkennd, nickt er nur kurz einem seiner Kollegen zu und klettert schnell die Leiter hinunter und stellt sich vor sie hin, sodass sie nicht das Tor passieren kann, ohne an ihm vorbei zu müssen. Rauh klingt seine Stimme, von der Zeit geprägt doch nicht ohne Sorge, als er das Wort an Narthoniel richtet.

„Tochter Aoths, wo wollt ihr noch hin zu so spätr Stunde, ihr solltet nicht immer alleine in diesen dunklen Wäldern umherstreifen. Bleibt hier oder nehmt einen der Wachen mit. Mir ist nicht wohl dabei euch alleine hinausgehen zu lassen.“

Langsam hebt sich der Kopf der kleinen Gestalt vor Fingil und blickt ihn direkt an. Ihre sonst so lebhaften Augen, sind dunkelgrün und ein Trüber Schimmer liegt darüber. Ohne ein Wort zu sagen deutet sie nur leicht mit der Hand und senkt danach wieder den kopf. Eben wollte Fingil noch etwas sagen, wollte sie nicht passieren lassen, doch dann geschah etwas seltsames. Es schein als sei er nicht mehr selbst Herr seines Körpers und gegen seinen Willen trat er zur Seite und musste mit ansehen, wie die junge Frau, die für ihn mittlerweile fast so wichtig wie eine Tochter war, war sie doch eine der wenigen die den Krieg überstanden hatten, an ihm vorbei in die Dunkelheit hinaus ging.

Die Nacht war vorrüber, ein neuer Tag brach an. Die ersten Strahlen der Sonne fanden ihren Weg durch das grüne Blätterdach des Waldes. Noch zaghaft, schwach war das Licht hir unten. Die Vögel beganen schon ihr süßes Lied zu singen, der Wald erwachte. Ebenso die zierliche Gestalt an der Quelle. Blinzelnd blickt sie sich um. Langsam erkannte sie wo sie sich befand. An jener ruhigen Quelle im Wald, an der sie so gerne die zeit verbrachte, da sie sich hier der Mutter so nahe fühlte. Doch warum war sie nun hier? Sie konnte sich nicht erinnern hier her gegangen zu sein. Erst jetzt sah sie den silbernen Krug und die silberne Schale, bedeckt mit allerlei feinen Verzierungen die allesamt den Efeu zeigten. Im Krug befand sich Wasser, wohl in der Nacht aus der Quelle geschöpft, als der helle Mond auf diese kleine Lichtung schien. Die Schlae stand bereit, jedoch wofür. Lange sah sie auf die beiden Gefässe hinunter, auf die Art und Weise wie sie aufgestellt waren. Ja sie waren so aufgestellt, wie sie es immer Tat, wenn sie Sehen wollte. Lange schon hatte sie das nicht mehr getan. Mit grunzelter Stirn blickt sie auf die Quelle, auf die kleine Lichtung, auf den Wald um sich. Wie war sie hier hergekommen? Was hatte sie gestern, diese Woche, ja den ganzen Mond getan. Jedoch ist in ihrer Erinnerung nur Dunkelheit, ein dunklr Schleier der über all ihren Erinnerungen liegt. Wieder blickt sie auf die Schale vor sich, langsam noch etwas zögerlich lässt sie sich davor auf die Knie senken. Ebenso zögerlich nimmt sie dann den Krug in die Hand und lässt das Wasser daraus langsam in die Schale laufen, während sie leise spricht:“

Mutterin, Gebieterin über alles Leben

Herrin der Natur, Mutter mein

Zeige mir was du mir zu zeigen wünschst

Ob Zukunft, Gegenwart oder Vergangenheit

Meine Augen und mein geist

Werden sehen was du mir zu zeigen hast.

Ich vertraue mich dir an

Mutter, Gebiertein über alles Leben

Herrin der Natur, Mutter mein

Ich weiss du hast mich hierher geführt

So lass mich denn Sehen

Dann richtet sie schweigend ihren Blick auf das Wasser in der Schale. Die letzten Kräuselungen verschwinden, die Wasseroberfläche ist glatt wie ein Spiegel. Grünlich spiegelt sich das Blätterdach darin, doch plötzlich nichts, nur mehr schwärze. Bilder beginnen sich zu zeigen, verschwommen und rasch hintereinander. Immer wenn ein Bild klar und deutlich zu werden scheint, verschwimmt es wieder und ein neues Bild zeigt sich. Lange löst so ein bild das andere ab, ohne das sie auch nur eines davon erkennen kann. Die sonne steht schon hoch am Zenit, doch sie blickt unverwand auf den Spiegel der Zeit vor sich, sie weiss das die Mutter ihr etwas zu zeigen hat. Doch nun werden die Bilder klarer, länger bleiben sie, man kann erkennen was sie zeigen.

Erst von fern zeichnet sich eine Mauer ab, in ihrer Mitte ein Tor, eine Wache steht davor. Es ist Fingil, und es ist die Mauer des alten Gildengeländes der Drachenritter, jenem das nahe Vesper stand. Die Tore öffnen sich, man erkennt das Gebäude und links davon das Lagerfeuer der gemeinschaft, runherum sitzen einige der Drachenritter, alle tragen sie jenen blauen Umhang, wie sie alle es damals taten. Langsam wenden sie sich alle richtung Tor und lächeln in die Richtung des Betrachters.

Ihr Atem stockt als sie die Gesichter klar erkennt.

Niduriel, mit ihren langen Blonden Haaren. Werdrik, mit seinem so freundlichen Gesicht. Erit, in seiner langen magierrobe, dem glatt geschorenen Kopf. Calaban, wie immer in seiner Platinfarbenen Rüstung und einem strahlendem lächeln im Gesicht. Auch Lutisana, Lynora, Andawari und Julivel sitzen in der Runde und lächeln ihr zu.

Das Wasser nimmt wieder eine schwarze Farbe an, ein anderes Bild folgt.

Sie selbst erkennt sich nun im Wasser, sie steht vor dem vesper Friedhof, ängstlich und erschrocken, Nebenihr, steht Erit. Jener junge Magier, der sich damals ihrer Annahm, ja sie sogar zu seiner Frau machen wollte. Mit ruhiger Stimme redet er auf sie ein. Das es zu ihren Pflichten gehöre, jene untoten Unholde darnieder zu strecken. Und er wäre doch bei ihr, und würde sie Beschützen, falls sie seine Hilfe brauchte.

Schwarzes Wasser, ein neues Bild erscheint.

Vespers Marktplatz, es ist Abend, auf den Tischen brennen Kerzen. Reger betrieb herrscht in cavans Schenke. Und da sitzt sie selbst, jedoch nicht alleine, Niduriel und Werdrik sitzen ihr gegenüber. Unbeschwert lachen sie, und trinken Wein und Bier in niemals Endenden Mengen. Welch Leichtigkeit und Fröhlichkeit sie in jenem Moment umgibt.

Wieder jenes schwarze Wasser…

Die Ratshalle, die lange Tafel an der sie so viele Stunden gesessen haben, diskutiert, gestritten, doch auch schöne Momente erlebt haben. Doch nun ist der Raum leer. Fast leer, einsam steht vor dem angeheizten Kamin Calaban, das Gesicht in Sorge. Langsam sieht sie sich selbst auf ihn zu gehen ihm Trost spendend. Ja es war eben jener Abend, an dem erst Scheue und zurückhaltung zwischen ihnen herrschte, dann das gegenseitige Trostspenden, worauf, dann jener, eine einzigartig zärtliche Kuss folgte. Der ein und einzige dieser Art, denn keine Zukunft hatten sie beide. Und war es doch nur der gegenseitige Trost der sie aneinanderband. Ihre Bindung zu Erit aus der sie entfliehen wollte, ohne ihn zu Schmerzen. Und das Verschwinden von Andawari, Calabans Frau.

Schwarzes Wasser

Wieder sitzen die Drachenritter um das Feuer, nur diesesmal sind auch die anderen dabei, jene die auch jetzt noch Leben, Esteban, Maesius, Ragar und Roden. Ernst blicken sie sie nun an, und wie eine einzige Stimme sprechen sie zu ihr. Du musst Trauern Narthoniel, Trauere um deine Freunde, sonst wird dich der Schmerz zerfressen. Doch du musst weiterleben. Trauere. Nimm dir die Zeit.

Schwarzes Wasser, es bleibt schwarz. Ein einzelnes Schluchzen erfüllt die Lichtung. In sich zusammen gesunken kniet die junge Frau vor der Schale, ungehemmt rinnen ihr Tränen über die Wangen. Ja, sie hatte nicht getrauert. Keine Zeit war ihr geblieben. Anderes schien immer wichtiger. Erst ihr erwachen und der Ruf der Drachen, die Suche der anderen, die immer wieder freudige Rückkehr der tot geglaubten Freunde und nun Thetarion. Doch die Mutter hatte recht. Sie musste Trauern. Denn nun wurde ihr auch klar was den letzten Mond geschehen war. Die Traurigkeit, der Schmerz der Vergangeheit den sie so lange unterdrückte. Den sie einfach vergessen wollte, ist nach oben geklettert und hat sich über sie gelegt, wie ein Schleier der Vergangenheit.

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