Leseratte

Ein kleiner Blog über die große Welt der Bücher

Rückkehr 1

 Erstickendes Keuchen. Das Ringen nach Luft. Immer wieder ein erstickendes Aufkeuchen, bis – ja bis letztendlich das Ringen zu einem durchdringenden tiefen Atmen wird. Der Kampf um das Lebenselixier gewonnen. Sonst, nur Dunkelheit. Pechschwarze Dunkelheit. Der Geruch nach Moder, alter Erde und der durchdringende Geruch nach Efeu.

Langsam beginnt sich etwas zu bewegen, das Rascheln von Blättern ist zu hören, doch nicht von trockenen. Das Rascheln vieler tausender Efeublätter durchdringt die dunkle Höhle. Es scheint, als würde sich jedes Blatt mitbewegen mit jener Kreatur, die dort in der Dunkelheit wieder erwachte.

Ein Ausgang, einen Ausgang finden. Frische Luft. Was ist geschehen? Wo bin ich? Ihre Kraft ist so stark, sie hat mich gerettet, oder ist es doch mein Grab? Fragen über Fragen schiessen durch den Kopf der Kreatur, die dort durchs Dunkle tappt. Ein leichter Luftzug, der Weg in die Freiheit, so schnell wie möglich bewegt sie sich fort, einem vermeintlichen Ausgang entgegen. Vorsichtig schiebt sie die Efeuranken zur Seite und verlässt die Dunkelheit.

Licht, es schmerzt. Die Augen zu Schlitzen verengt steht sie dem Meer zugewandt. Seitlich das helle Glitzern eines Flusses. Sie? Ja sie? Eine junge Frau mit verfilztem, langem, rabenschwarzem Haar, in halb verfallenen Kleidern, die helle Haut mit Dreck verkrustet.

Mit wackeligen Schritten wankt sie auf den kleinen Bach zu, fast erschöpft fällt sie davor auf die Knie. Langsam beugt sie sich vor, um das eigene Spiegelbild im Wasser erkennen zu können. Voller Entsetzen sieht sie auf jenes hinab. Ihr Haar, ihr Gesicht ist nicht von Erde oder gewöhnlichem Schmutz so grausam zugerichtet. Es ist Blut, ihr ganzer Körper ist beschmutzt mit Blut.

Blut! Mit dieser Erkenntniss kommt die Erinnerung zurück. Die Erinnerung an jenen furchtbaren Krieg. Das Blut, das viele Blut das die Strassen Vespers geradezu überschwemmte. Die Verzweiflung in den Gesichtern der Anderen. Die erbitterte Schlacht. Die vielen Verwundeten. Und dann, dann die grausame Erkenntnis. Vesper ist gefallen. So schnell wie möglich die Flucht zum Hafen, auf die Schiffe. Die Erkenntnis von den meisten getrennt zu sein. Nur Niduriel, tapfer an ihrer Seite. Auch ihr blondes Haar klebte ihr von Blut getränkt an Kopf und Schultern. Immer wieder sieht sie die Verzweiflung in Niduriels Augen, als sie sie anblickt. Und erst da fühlt sie den Schmerz. Der Blick hinunter, die Ursache zu finden. Es ist ihr eigenes Blut, das ihre Hände bedeckt. Eine klaffende Wunde ragt über ihren Bauch. Nun steht auch ihr selbst das Entsetzen in den Augen. Nur mehr schwach hört sie Niduriels Wort „Du darfst nicht sterben Narthoniel, verstanden“.

Doch was geschah dann, warum war sie nun hier? Und wieviel Zeit war seit damals vergangen? Wo sind die anderen? Soviele Fragen, soviel Ungewissheit. Und nur eine Möglichkeit es herauszufinden. Sie musste nach den Antworten suchen.

Als sie sich in dem kleinen Bach wusch, blickte sie auf ihren Bauch, über den sich eine blasse Narbe zog. Eine blasse Narbe? Das hiess; dass die Verletzung schon lange geheilt war. Was war nur geschehen?

Tage um Tage vergingen, Fragen durchbohrten ihren Kopf. Und nach und nach kamen die Antworten. Zuerst die Erinnerung an den dichten unerklärten Nebel. Dann der plötzliche Sturm über dem Meer.. und dann, dann das Sinken des Schiffes.. immer wieder sieht sie Niduriels verzweifeltes Gesicht .. und dann, nichts mehr. Nur mehr das Gefühl der absoluten Geborgenheit.

Die Mutter! Ja, sie hat sich ihrer angenommen, hat sie vom Wasser hierher getragen, hat sie in sich aufgenommen. Hat sie mit ihrem Beschützer, dem Efeu umgeben. Doch wie lange hat die Mutter sie aufgenommen? Wie lange war sie ein Teil von Mutter Natur? Jene Frage steht noch offen. Und die Frage woher jene unerklärlich große Trauer in ihr kommt.

In die halb verfallenen Kleider gehüllt, macht sie sich auf den Weg, andere Menschen zu suchen. Nach und nach findet sie vereinzelte Bauernhöfe. Von einem Bauern bekommt sie sogar neue Kleidung, die nicht mehr in Fetzen an ihr herabhängt, nachdem sie sich um seine kranke Kuh gekümmert hat. Und von ihm erfährt sie auch, wie lange es her ist, dass Vesper fiel. So lange? War sie so lange behütet von Mutter Natur? Was war aus den Anderen geworden? Hatten sie nach ihr gesucht? Oder waren sie etwanicht mehr?

Und dann, dann ist da ein Gefühl in ihr, bekannt und doch so unerklärt.

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